05 January 2015

Ist das echt oder kopiert? Oder sogar gefälscht?

Posted in Allgemeine Autographen Neuigkeiten

Von Marc Reichwein, Die Welt

Im digitalen Zeitalter sind Reproduktionen keine Kunst mehr. Brauchen wir dann überhaupt noch Originale? Eine Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach liefert überraschende Antworten.
Wann ist eine Rede originell? Sollte sie möglichst viele geflügelte Worte oder Zitate großer Denker enthalten, gern eingeleitet mit der Floskel: "Wie schon Schiller sagte"? Es stand der Tradition der Marbacher Schillerrede gut zu Gesicht, dass Monika Grütters, die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, sich gleich zu Anfang nonchalant vom Modus des mundgerechten Klassikerzitats für "Kalender- und Glückskeksweisheiten" verabschiedete, um in ihrer Rede über die Versöhnung des Ästhetischen mit dem Politischen dann natürlich trotzdem nicht ganz ohne O-Töne auskommen.

Immerhin eröffnete das Deutsche Literaturarchiv Marbach am gleichen Abend die Ausstellung "Der Wert des Originals" im Literaturmuseum der Moderne. Es waren, wie man so schön sagt, auch einige Originale bei der Vernissage zugegen.

Diese Originale kamen zur Eröffnung

Erwin Teufel, der ehemalige Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg. Oder Götz von Berlichingen, der Original-Nachfahre in der 18. Generation. Er leiht der aktuellen Marbacher Schau sein kostbarstes Familienerbstück aus: Die eiserne Hand des Ritters, den Goethe durch sein Drama erst zur Marke machte, die wir heute kennen.

Dass wir, obwohl eine Prothese nur einem körperlichen Original nacheifern kann, längst von der Original-Zweithand sprechen, und dass Götz' gutes Stück direkt neben einem Handabdruck von Goethe zu liegen kommt, ist nur einer von vielen originellen Momenten der Marbacher Ausstellung. Hände sind überhaupt ein ganz wunderbarer Anfang, um sich dem Thema Original zu widmen, das ja auch gesamtgesellschaftlich als Fantasma des Handgeschöpften und Handwerklichen durch unsere Manufactum-Kataloge spukt.

Die "Ausgabe letzter Hand"

Die "Ausgabe letzter Hand", wie Goethe und Wieland sie erfunden haben, suggeriert, dass ein Werk eine ideale, letztgültige Form annehmen kann. Dass dies de facto gar nicht so oft der Fall ist, dokumentiert die Ausstellung an verschiedensten Stellen, zum Beispiel mit Partituren verschiedener Vertonungsversuche der "Ursonate" von Kurt Schwitters, aber auch mit "Spät kommt ihr, doch ihr kommt". So heißt es erst im x-ten Versuch auf der ersten Seite der "Piccolomini" von Schiller.

Und, ja, wo fängt ein Original an? Bei den Vorarbeiten zum Werk, das aus Zeitungsausschnitten (Fontane) oder einer Vorliebe für flüchtige Notizen auf Teebeutelpapieren (Peter Kurzeck) bestehen kann? Und braucht es immer eine Materialisation, oder ist auch ein Dateienverzeichnis, das uns Friedrich Kittler unter dem Name "userich" auf Diskette hinterlassen hat, originell?

Was macht ein Original zum Original?

Ist es das Subjekt, das dahintersteckt, aber heute nirgendwo mehr "Originalgenie" genannt wird? Ist es die Signatur, die ihrerseits wandelbar ist, wie das Beispiel Rilke zeigt, der seine ursprüngliche Unterschrift einem kompletten Relaunch unterzog, indem er sein geschlechtlich unbestimmtes "Rene Maria" in ein klares "Rainer Maria" ummodelte?

Oder ist es der Preis? 2013 wurde ein Goethe-Autograf versteigert. Das Albumblatt mit dem Satz "Es regnet gern, wo es nass ist", brachte bei einer Auktion 2800 Euro ein, woraufhin Experten dividierten: Goethe ist also 400 Euro pro Buchstabe wert! Originale werden umso wertvoller, je aberwitziger man für sie bezahlt.

Krise oder Boom des Originals?

Was deutlich wird: "Die Krise des Originals" (Dirk von Gehlen) ist keineswegs so eindeutig ein Effekt der Digitalkultur, wie man angesichts boomender Kopien und Fälschungen mutmaßen könnte. Eher könnte man, mit Gottfried Boehm, auch umgekehrt argumentieren: Vielleicht löst die totale Reproduzierbarkeit die Aufladung und Fetischisierung von Originalen erst aus?

Es sind mit Boehm vor allem "dichte Qualitäten", die wir Originalen zuschreiben – selbst dann, wenn wir sie verborgen halten wie unser Grundgesetz, dessen Original für die Öffentlichkeit uneinsehbar in einem Tresor im Deutschen Bundestag aufbewahrt und nur zur Vereidigung von Bundespräsidenten, -kanzlern und -ministern herausgeholt wird.

Grundgesetz und Urmeter

Dieter Grimm, der ehemalige Bundesverfassungsrichter, erzählt im Katalog, wie er einmal das Original-Grundgesetz besichtigte: "Es ist wie mit dem Urmeter, das in Paris liegt. Man braucht es nicht, um zuverlässige Zollstöcke herzustellen, wir können korrekt messen, ohne überhaupt zu wissen, dass irgendwo das Urmeter liegt."

Abgesehen davon, dass das Grundgesetz im Gegensatz zum Urmeter immer wieder Änderungen und Ergänzungen erfahren hat: "Die Bewährung schwingt mit, wenn man vor dem Original steht, obwohl das Original nichts davon wissen konnte, das Original als ein Druckwerk sowieso nicht, aber auch nicht die Zeichner und die Zeitgenossen."

Wie in Fetischobjekten und Reliquien scheint sich in Originalen die geistige Kultur ganzer Kulturen zu verdichten. Originale können selbst dann Bedeutung erhalten, wenn ihre Präsenz oder Existenz als original höchst ungewiss ist. Hängt im Louvre wirklich noch die echte Mona Lisa? Wer hat sich das nicht auch schon gefragt?

O-Töne und Originalverpackung

Vom O-Ton, der härtesten Währung im Journalismus, bis zum "Umtausch nur mit Originalverpackung" hat die Idee des Echten, Anfänglichen, Eigentlichen jedenfalls auch im Internet(versand)-Zeitalter noch längst nicht abgedankt. Mit einer rein materiellen Reliquiengalerie bekommt man es im Literaturmuseum der Moderne aber weiß Gott nicht zu tun.

Marbach – das beweist es in seinen Ausstellungen immer wieder – ist geisteswissenschaftlich geschult und selbstreflexiv genug, nicht in die Aura-Falle zu tappen, obwohl sogar Walter Benjamin grüßt, mit seinen Gedanken über die Aura, auf einem Papier mit dem San-Pellegrino-Markenlogo.

Original-Bewusstsein stärken

Es gehört zu den Vorzügen der Marbacher Ausstellung, zu einer unaufdringlich überzeugenden Tour d'horizon durch die Spielarten und Abarten unseres Original-Bewusstseins einzuladen. Was leisten Originale, worin besteht ihr Wert für das Selbstverständnis unserer Kultur?

Neben eigenen Originalen bestücken originelle externe Exponate die Schau: das Original-Kopfkissen von der Coach, auf der Patienten Sigmund Freud ihre Träume erzählten. Oder die Pistole, mit der Kleist seine Geliebte und sich am Wannsee erschossen hat – das heißt: natürlich nicht die Original-Pistole, die sich gar nicht erhalten hat, aber das baugleiche Modell. Wie viel Originalität brauchen wir, um Geschichten zu beglaubigen? Die Frage bleibt so aktuell wie die nach einem guten O-Ton in Politikerreden.

Die Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne läuft bis 12.4.2015, der Katalog kostet 18 Euro.

Vollständiger Artikel:
http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article134009812/Ist-das-echt-oder-kopiert-Oder-sogar-gefaelscht.html